Die Ostschweiz zählt mit rund 1.500 Hektar Rebfläche zu den vielseitigsten Weinbaugebieten des Landes. Zwischen Bodensee, Rheintal und Bündner Herrschaft verlaufen Wanderwege, die durch Steillagen, Terrassenweinberge und historische Winzerdörfer führen. Wer beides verbindet, das Wandern und den Wein, erlebt eine Region, in der Landschaft, Handwerk und Genuss eng zusammenhängen.
Der Kanton Thurgau bewirtschaftet laut Branchenverband Deutschschweizer Wein rund 270 Hektar Reben, vorwiegend Müller-Thurgau und Blauburgunder. Die Sorte Müller-Thurgau wurde 1882 von Hermann Müller aus Tägerwilen gezüchtet, was der Region bis heute eine identitätsstiftende Rolle im Schweizer Weinbau verleiht. Der Thurgauer Rebweg zwischen Weinfelden und Ottoberg führt auf etwa acht Kilometern durch Rebparzellen mit Infotafeln zu Böden, Klima und Rebsorten. Die Strecke ist familientauglich und ganzjährig begehbar, mit Höhepunkten zur Blüte im Juni und zur Traubenlese im September.
Wer nach der Wanderung Weine aus der Region vertiefen möchte, findet in der Ostschweiz spezialisierte Fachhändler. Die Vinothek Wil führt eine Auswahl an Schweizer und internationalen Weinen und bietet Beratung zu Sorten, Jahrgängen und Herkunft. Solche Anlaufstellen sind für Wanderer nützlich, die einzelne Flaschen für den nächsten Hüttenabend mitnehmen möchten.
Rund 60 Kilometer südlich beginnt zwischen Fläsch, Maienfeld, Jenins und Malans die Bündner Herrschaft. Auf etwa 420 Hektar dominiert der Blauburgunder mit einem Flächenanteil von über 70 Prozent. Der warme Föhn und die kalkhaltigen Böden bringen Pinot Noirs hervor, die international regelmäßig prämiert werden, etwa im Rahmen des Grand Prix du Vin Suisse. Der Weinwanderweg Bündner Herrschaft verbindet die vier Dörfer auf rund 15 Kilometern und lässt sich in Etappen bewältigen. Zahlreiche Winzerbetriebe öffnen ihre Keller auf Anmeldung, viele bieten geführte Degustationen an.
Für längere Touren eignet sich eine Kombination mit dem Heidiweg oder eine mehrtägige Wanderung Richtung Prättigau. Übernachtungen in Berggasthöfen und einfachen Hütten gehören zur Region. Nach langen Etappen schmeckt ein Glas Wein doppelt, und viele Häuser führen eine Weinkarte mit regionalen Erzeugnissen. Weinliebhaber müssen also auch abseits der Talorte nicht auf ein Glas verzichten.
Das St. Galler Rheintal wird oft übersehen, obwohl es eine der ältesten Weinbautraditionen der Deutschschweiz aufweist. In Gemeinden wie Berneck, Balgach und Thal werden auf steilen Hanglagen Pinot Noir, Riesling-Silvaner und zunehmend auch Sauvignon Blanc angebaut. Der Rebenweg Berneck führt auf etwa vier Kilometern durch die Weinberge oberhalb des Dorfes, mit Blick auf das Rheintal und den Bodensee. Für Wanderer mit mehr Zeit bietet sich der Fürstenlandweg an, der von Wil über Bischofszell bis in die Rebbauzone im Thurgau verläuft und Kulturlandschaft mit Weinbau verbindet.
Praktische Hinweise für die Planung finden sich unter anderem bei Schweiz Tourismus sowie beim Branchenverband Deutschschweizer Wein. Wetterinformationen und aktuelle Bedingungen liefern regionale Portale wie SAC für Bergrouten oder SchweizMobil für Wanderwege.
Wer eine Weinwanderung plant, sollte die Traubenlese berücksichtigen. In der Ostschweiz beginnt sie meist Mitte September und dauert bis Ende Oktober. In dieser Zeit sind viele Winzer beschäftigt, offene Degustationen daher seltener. Frühjahr und Frühsommer bieten dafür sichtbare Vegetation und angenehme Temperaturen. Festes Schuhwerk, Sonnenschutz und ausreichend Wasser gehören zur Grundausstattung, insbesondere in Steillagen. Für abendliche Einkehr in einer Berghütte lohnt sich die vorherige Reservation, gerade an Wochenenden und in der Hauptsaison. Wer eine Flasche aus dem Tal mitnimmt, sollte vorab klären, ob die Hütte Korkenzieher und passende Gläser bereitstellt.